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Kubismus, Kavarna, Kampa: Eine Kulinarik ohne Knödel (20. Jun 2008)
Magazine: Wiener Zeitung
Author: Christa Karas

Kubismus, Kavarna, Kampa: Eine Kulinarik ohne Knödel

Kubismus, Kavarna, Kampa: Eine Kulinarik ohne Knödel

Prag ist die neue, alte Metropole der Gourmandise
Von Christa Karas

In Trebon wird noch einmal der Nostalgie gepflogen, das ist man seinen Erinnerungen schuldig und dem Tourismus: Hering mit Zwiebeln, Karpfen in schwarzer Sauce, Aal am Spieß. So hat es auch damals geschmeckt, vor rund 20 Jahren. Und die Tschechen, lesen wir bei Jiri Grusa, haben es noch nie gemocht. Weil das Fischige ausschließlich der Weihnachtszeit vorbehalten ist, außer, man wurde auf Kur geschickt und hatte Diät. Da gab’s dann bisweilen Kümmelkarpfen. Die Touristen hingegen sehen bis heute die zahlreichen Teiche in der Umgebung, denken: Ah, Karpfen!, und bereiten sich so auf Prag vor.
Hernach glaubt man zwar, in den nächsten zwei Tagen nichts mehr hinunter zu bekommen, aber das legt sich. Man darf halt in Prag nur nicht auf den Wenzelsplatz gehen, weil vermutlich stinkt´s nirgendwo auf der Welt derart nach Frittiertem. Und auch das dort verschüttete Bier verbessert diesen Geruch nicht.

Also bewundern wir den tschechischen und insbesondere den Prager Menschen – was der nicht schon alles ausgehalten hat! Die Kriege, die Habsburger, die Nazi, die Kommunisten... Und fragen uns besorgt, ob die Stadt auch das noch aushalten wird: In der eh schon ungeheuren Masse von Fremden -zig Tausende mehrheitlich britische Jugendliche, die dank ihrer Räusche jeglichem Wetter im Leiberl trotzen, eine Invasion des Schreckens infolge der Dumping-Flugpreise.

Aber natürlich können Kultur- und Kulinariktouristen wie wir leicht die Nase darob rümpfen. Vom bekannten Designer-Hotel Josef wechseln wir passenderweise ins Kubisten-Haus in der Celetna ulice, nicht nur wegen des beeindruckenden Museums, sondern weil dort auch das Cafe im ersten Stock jüngst ungefähr so wieder eröffnet wurde, wie es bis ins Jahr 1945 war. – Und es ist so schön da, dass man den angebotenen Snacks und Getränken alles verzeiht.

Uns zieht´s sowieso weiter, vorbei am Prager Wunder der vergangenen Jahre: Die ungeheure Vielzahl an Lokalen. Gewiss, das Italienische ist vorherrschend und alles meist wieder auf den Massentourismus zugeschnitten, aber dazwischen finden sich Juwelen der Kulinarik, die mühelos gegen die feinsten Adressen der Welt bestehen können. Ganz ohne die Leibspeise der Tschechen, Schweinsbraten, Kraut und Knödel. Das war einmal.

Nein, keine Sorge: Es gibt schon noch etliche Wirtshäuser, in denen es so deftig zugeht, dass man nachher dem berühmten Jelinek´schen Slivovitz sehr zusprechen muss. Doch die sind allmählich fast die Ausnahmen. Allenfalls im klassischen (ebenfalls kubistischen) Prager Restaurant Parnas an der Legionenbrücke finden sich bei der Gänseleber noch leise Anklänge an´s klassisch Böhmische, aber auch hier werden moderne Mägen berücksichtigt – und es gibt, noch sehr rar, österreichischen Wein. – Aperitif oder Digestiv? Am besten in der Kavarna Slavia nebenan – dem "Must" der Prominenz aus allen Ländern und einst der Prager Intelligenzija.

Am Sonntag herrscht "typisches" Prager Wetter (kühl und verregnet), das sowieso fast immer so ist wie in Wien, nur dass die Wolken zur allgemeinen Begeisterung rascher wieder aufreissen. Ah, so ist sie wirklich golden, die Stadt. Und: Die sonst stets geschlossene Tein-Kirche mit Tycho de Brahes Grabplatte ist diesmal für die 20 Minuten einer Kindstaufe geöffnet.

Auf der Flucht vor dem nächsten Regenguss finden wir ganz nahe einen Keller, wie ihn sich Gourmets nur erträumen können: Le Terroir in der Vejvodova 1, wo es auch Käse und Wein zu kaufen gibt. Das Essen, leicht und voller Finessen, stimmt uns fast so andächtig wie die Kirche: Es ist zum Niederknien.

Das gilt auch für das neue Restaurant Kampa Park unfern des faszinierenden Kampa Museums für moderne Kunst: Die Belon-Austern sind so frisch wie in Paris und über seine Terrassen blickt man obendrein auf die Moldau – im Unterschied zur Stadt an der Seine: Dort gibt es nämlich kein unmittelbar am Wasser gelegenes Restaurant dieser Qualität. Hier aber kochen sie mit der Professionalität, die immer schon da war, aber mit dem Geschmack des Hier, Heute und Morgen.

Zuletzt noch ein paar Tipps: Jiri Grusa, "Gebrauchsanweisung für Tschechien und Prag", Piper Verlag, München, 2003. Restaurant-Kritik: Prager Zeitung ON-LINE, http://www. pragerzeitung.cz/?c_id=3325 . Verbindungen: Trebon lohnt immer noch die etwas holprige Autofahrt durch die böhmischen Wälder. Czech Airlines und AUA haben aber doch die angenehmeren und keineswegs teuren Verbindungen. Diese herauszufinden, bemüht man aber am besten das Reisebüro. Zum Designer-Hotel Josef: http://www.hoteljosef.com