Kubismus, Kavarna, Kampa: Eine Kulinarik ohne Knödel
Kubismus, Kavarna, Kampa: Eine Kulinarik ohne Knödel
Prag ist die neue, alte Metropole der Gourmandise
Von Christa Karas
In Trebon wird noch einmal der Nostalgie
gepflogen, das ist man seinen Erinnerungen schuldig und dem Tourismus:
Hering mit Zwiebeln, Karpfen in schwarzer Sauce, Aal am Spieß. So hat
es auch damals geschmeckt, vor rund 20 Jahren. Und die Tschechen, lesen
wir bei Jiri Grusa, haben es noch nie gemocht. Weil das Fischige
ausschließlich der Weihnachtszeit vorbehalten ist, außer, man wurde auf
Kur geschickt und hatte Diät. Da gab’s dann bisweilen Kümmelkarpfen.
Die Touristen hingegen sehen bis heute die zahlreichen Teiche in der
Umgebung, denken: Ah, Karpfen!, und bereiten sich so auf Prag vor.
Hernach glaubt man zwar, in den nächsten
zwei Tagen nichts mehr hinunter zu bekommen, aber das legt sich. Man
darf halt in Prag nur nicht auf den Wenzelsplatz gehen, weil vermutlich
stinkt´s nirgendwo auf der Welt derart nach Frittiertem. Und auch das
dort verschüttete Bier verbessert diesen Geruch nicht.
Also bewundern wir den tschechischen und insbesondere den Prager
Menschen – was der nicht schon alles ausgehalten hat! Die Kriege, die
Habsburger, die Nazi, die Kommunisten... Und fragen uns besorgt, ob die
Stadt auch das noch aushalten wird: In der eh schon ungeheuren Masse
von Fremden -zig Tausende mehrheitlich britische Jugendliche, die dank
ihrer Räusche jeglichem Wetter im Leiberl trotzen, eine Invasion des
Schreckens infolge der Dumping-Flugpreise.
Aber natürlich können Kultur- und Kulinariktouristen wie wir leicht die
Nase darob rümpfen. Vom bekannten Designer-Hotel Josef wechseln wir
passenderweise ins Kubisten-Haus in der Celetna ulice, nicht nur wegen
des beeindruckenden Museums, sondern weil dort auch das Cafe im ersten
Stock jüngst ungefähr so wieder eröffnet wurde, wie es bis ins Jahr
1945 war. – Und es ist so schön da, dass man den angebotenen Snacks und
Getränken alles verzeiht.
Uns zieht´s sowieso weiter, vorbei am Prager Wunder der vergangenen
Jahre: Die ungeheure Vielzahl an Lokalen. Gewiss, das Italienische ist
vorherrschend und alles meist wieder auf den Massentourismus
zugeschnitten, aber dazwischen finden sich Juwelen der Kulinarik, die
mühelos gegen die feinsten Adressen der Welt bestehen können. Ganz ohne
die Leibspeise der Tschechen, Schweinsbraten, Kraut und Knödel. Das war
einmal.
Nein, keine Sorge: Es gibt schon noch etliche Wirtshäuser, in denen es
so deftig zugeht, dass man nachher dem berühmten Jelinek´schen
Slivovitz sehr zusprechen muss. Doch die sind allmählich fast die
Ausnahmen. Allenfalls im klassischen (ebenfalls kubistischen) Prager
Restaurant Parnas an der Legionenbrücke finden sich bei der Gänseleber
noch leise Anklänge an´s klassisch Böhmische, aber auch hier werden
moderne Mägen berücksichtigt – und es gibt, noch sehr rar,
österreichischen Wein. – Aperitif oder Digestiv? Am besten in der
Kavarna Slavia nebenan – dem "Must" der Prominenz aus allen Ländern und
einst der Prager Intelligenzija.
Am Sonntag herrscht "typisches" Prager Wetter (kühl und verregnet), das
sowieso fast immer so ist wie in Wien, nur dass die Wolken zur
allgemeinen Begeisterung rascher wieder aufreissen. Ah, so ist sie
wirklich golden, die Stadt. Und: Die sonst stets geschlossene
Tein-Kirche mit Tycho de Brahes Grabplatte ist diesmal für die 20
Minuten einer Kindstaufe geöffnet.
Auf der Flucht vor dem nächsten Regenguss finden wir ganz nahe einen
Keller, wie ihn sich Gourmets nur erträumen können: Le Terroir in der
Vejvodova 1, wo es auch Käse und Wein zu kaufen gibt. Das Essen, leicht
und voller Finessen, stimmt uns fast so andächtig wie die Kirche: Es
ist zum Niederknien.
Das gilt auch für das neue Restaurant Kampa Park unfern des
faszinierenden Kampa Museums für moderne Kunst: Die Belon-Austern sind
so frisch wie in Paris und über seine Terrassen blickt man obendrein
auf die Moldau – im Unterschied zur Stadt an der Seine: Dort gibt es
nämlich kein unmittelbar am Wasser gelegenes Restaurant dieser
Qualität. Hier aber kochen sie mit der Professionalität, die immer
schon da war, aber mit dem Geschmack des Hier, Heute und Morgen.
Zuletzt noch ein paar Tipps: Jiri Grusa, "Gebrauchsanweisung für
Tschechien und Prag", Piper Verlag, München, 2003. Restaurant-Kritik:
Prager Zeitung ON-LINE, http://www.
pragerzeitung.cz/?c_id=3325 . Verbindungen: Trebon lohnt immer noch die
etwas holprige Autofahrt durch die böhmischen Wälder. Czech Airlines
und AUA haben aber doch die angenehmeren und keineswegs teuren
Verbindungen. Diese herauszufinden, bemüht man aber am besten das
Reisebüro. Zum Designer-Hotel Josef: http://www.hoteljosef.com