From:  
To:  
BEST ONLINE RATES





 Back


48 Stunden in Prag (01. Jun 2003)
Magazine: Cosmopolitan Deutschland
Author: Dorin Popa

48 Stunden in Prag

DER BRENNPUNKT DER BOHEME zieht Lebenskünstler aus aller Welt an. Maler, Musiker, Designer und Schriftsteller verwandeln die prachtvolle goldene Stadt in einen der angesagtesten Treffpunkte für kosmopolitische Szenegänger.

FREITAG

17:00 So sehr gotische Synagogen, Barockbauten, Jugendstil-Passagen, kubistische Villen und Frank O. Gehrys „Tanzendes Haus“ in Prag auf engstem Raum harmonisieren, freue ich mich doch, dass das mittendrin gelegene Design-Hotel „Josef“ auf Schnörkel und Staubfänger verzichtet. Auf der Sonnenterrasse im sechsten Stock bringe ich mich in Wochenendstimmung, bevor es duch die Altstadt Richtung „Cafe Slavia“ geht. Schon in den zwanziger Jahren trafen sich dort die Kreativen, nun berausche ich mich am Absinth und dem Blick auf die Moldau.

20:00 Prags kreative Gegenwart lodert gegenüber in der „Laterna Magika“. Heute abend stellen die Ballettänzer mit Filmprojektionen, Windmaschinen und Lichteffekten zu eingespielten Arien des Berliner Countertenors Jochen Kowalski die „Odyssee“ nach und zelebrieren ein mitreißendes Gesamtkunstwerk.

22:00 Überall höre ich englische oder russische Wortfetzen: keine Touristen, sondern zugereiste Lebenskünstler. „The Globe Coffeehouse & Bookstore“ ist ihre Nachtrichtenzentrale. Hier rüste ich mich für die Nacht, studiere die Aushänge am Schwarzen Brett und bekomme den Tipp, ins „Meloun“ zu gehen, wo bei tschechischer Schlager- und Rockmusik veitstanzmäßig gefeiert wird. Dann noch ein Absacker im „Tretter’s“ wo Barchef Michael mit Drinks wie „Stefania“ (Wodka, Peach Liquor, Orange Bitter, Tonic) und „Jessica“ (Blue Curaco, Maracuja, Ice Cream, Sekt) sehr persönliche Noten setzt.

SAMSTAG

9:00 Im „Cafe Barock“ am Shoppingboulevard Parizska frühstücken Musen und Models, bevor sie die Edelboutiquen plündern. Hermes habe ich auch daheim, aber auf dem Hradschin wartet die Prager Burg mit dem Veitsdom und dem diamentenübersäten Wallfahrtsschatz des Loreto auf mich.

13:00 Am Südhang der Burg haben Weinreben die Wälle abgelöst. An den Kolowrat-Palastgarten grenzt der Palffy-Palast mit seinem im zweiten Stock verborgenen Restaurant, ein charmantes Überbleibsel großbürgerlicher Grandezza. Stilgetreu geht es am Ende der Straße mit St. Nikolaus weiter, einem barocken Jesuitenbau, den himmlische Fresken zieren. Unterhalb der Kirche liegt die Karlsbrücke, an deren Pfeiler sich die Halbinsel Kampa schmiegt. Über dem Idyll zwischen Moldau und Teufelsbach verläuft die Ujezd, ein ungeschminktes Stück Prag, wo man nicht immer englisch versteht, aber reizende Geschenke, leckere Bagels und die freche Mode von Faux Pas den Weg wert sind.

15:30 Bei meinem Hotel, im alten jüdischen Viertel, findet man die etablierten Designer. „Boheme“ heißt das Label von Hana Stocklassova, der man ihre schwedische Ausbildung ansieht: klar, unterkühlt und sexy. Bei Klara Nademlynska ist die Mode dagegen bunter, verspielter und jünger. Zwischendurch finde ich im „Nostress“ Ruhe, einem Cafe mit Design- und Blumenladen, wo mich die Melange aus tiefen Ledersesseln, schwerem Fliederduft und verführerischen Törtchen einlullt.

22:00 Das „Prager Tagblatt“ und „The Prague Post“ verraten mir, was ansteht: Im „Radost FX“ feiert ein Friseur, und so esse ich dort im vegetarischen Cafe, bevor ich in den Club hinabsteige. Der Türsteher tastet jeden nach Waffen ab, doch das Publikum entpuppt sich als liebevolle In-Crowd, wo nur das knappe Outfit waffenscheinfplichtig ist. Wo ich schon im szenigen Vinohrady-Viertel bin, schaue ich mir die Herz-Jesu-Kirche an, die sich nachts wie einen Pharonengrab erhebt. Ein paar Ecken weiter liegt der Palac Akropolis, hinter dessen blau verhangenen Glaspforten Indie-Stars wie Marianne Faithfull auftreten. Mich zieht es in den Keller, wo zu R’n’B und Reggae getanzt und getrommelt wird. Bei Wodka und dem lokalen Engerydrink Semtex wird es eine explosive Nacht.

SONNTAG

9:30 Was suche ich verkatert am anderen Ende der Stadt? Hana Andronikova, Shooting Star unter den Prager Literaten, hat mich zur Burg Vysehrad geschickt. Der Ort wäre voll positiver Energie. Vielleicht war es auch nur die frische Luft, aber mir geht es nach dem Spaziergang blendend.

12:30 Hungrig falle ich ins „Zlata Praha“ ein, dem Dachterrassenrestaurant des „Interconti“, wo Diplomaten und zu Politikern mutierte Künstler beim Brunch den schönsten Ausblick über die Stadt genießen. Unweit davon der alte jüdische Friedhof, wo ich unter den 12.000 Grabsteinen das des Golem-Schöpfers Jehuda Löw suche, um ein Steinchen aufzulegen.

14:00 Die Schokoladenseite des Massentourismus: Rund um den Wenzelsplatz haben die Geschäfte auch sonntags auf. Bei „Moser“ finde ich böhmisches Glas, bei „Botanicus“ Massageöl tschechischer Alchimisten, bei „Anima Tua“ Modeschmuck und in der „Art Deco Galerie“ den perfekten Aschenbecher. Den Wenzelsplatz mit seiner neongeilen Fastfood-Ästhetik meide ich – bis auf den Hinterhof des Hauses Nummer 14, wo mich die Teestube „Dobra Cajova“ vor dem Trubel rettet und Prag sich ein letztes Mal als Stadt der Glückseligen entpuppt.